
Ein Beitrag von Stefan Bölts
Das Jahr 2010 war und ist für das Netzwerk Kirchenreform vor allem dadurch geprägt, dass wir die Formen der vielfältigen Kooperationen noch weiter ausbauen konnten. Auf dem
2. Ökumenischen Kirchentag in München haben wir zusammen mit Basisbewegungen und Reformgruppen wie „Wir sind Kirche“, der „Initiative Kirche von unten“, der Laienbewegung Regensburg u.a. interessante und ebenso stark besuchte Kirchentagsprogrammangebote veranstalten können. Im Rahmen des
KVI-Kongresses haben wir vom Landeskirchenamt bis zum Dietrich-Bonhoeffer-Verein sehr verschiedene Ansätze zur zukünftigen
Kirchenfinanzierung an einen Tisch bringen können und eine ebenso lebhafte wie auch erkenntnisreiche Diskussion erleben dürfen. Und die Jahrestagung 2010 leistet einen Beitrag zum Brückenschlag zwischen Mission, Diakonie und verfasster Kirche, indem wir vom 26. bis zum 27. November den
Chancen der Gemeinwesendiakonie und den missionarischen Perspektiven für Stadt und Region auf den Grund gehen und im gemeinsamen Austausch Win-Win-Situationen für Diakonie und Kirche sichtbar werden lassen.
Neben vielen positiven Stimmen gibt es aber auch kritische Rückmeldungen. Arbeiten wir mit der römisch-katholischen Kirchenvolksbewegung zusammen, wird dem Netzwerk revolutionäres Rebellentum unterstellt – veranstalten wir Fachtagungen im KVI-Kontext, wird die kommerziell ausgerichtete Anbietermesse skeptisch beäugt. Berichten wir im Newsletter über Willow-Creek-Studien, verorten Kritiker die Herausgeber in einer evangelikalen Frömmigkeitskultur – veranstalten wir Tagungen mit offiziellen EKD-Institutionen, wird der Vorwurf erhoben, das Netzwerk ließe sich vom Kirchenamt vereinnahmen. Solche Kritik nehmen wir konstruktiv auf und durchaus ernst, können diese aber genauso von unserer eigenen Arbeit überzeugt zurückweisen. Ich persönlich sehe den besonderen Charme in unserem Netzwerk darin, dass wir themenbezogen mal mit den einen und mal mit den anderen Trägern und
Projektpartner zusammenarbeiten können.
Austausch und Dialogbereitschaft
Zu vielen Sparten- und Nischenthemen gibt es kirchliche Initiativen und Netzwerke – von Citykirchenprojekten über die Stadtkirchenarbeit bis hin zu Profilgemeinden wie Jugend- oder Diakoniekirchen, von der charismatischen oder geistlichen Gemeindeerneuerung bis zum basisorientierten Kirchenvolksbegehren, von institutionellen Gemeindeberatern bis hin zu freien Fundraisingverbänden oder den Netzwerken der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste. Ich werte es als fruchtbaren Gewinn für alle Beteiligten, wenn wir auch streitbare Positionen unterschiedlicher Herkunft oder Prägung zusammenbringen und einen konfessionsübergreifenden
Lernprozess ermöglichen – von einander wissen und lernen heißt nicht, das jeweils eigene Profil aufgeben zu müssen. Aber genau das heißt auch Ökumene: Streitbare Positionen nebeneinander stehen lassen – und dennoch die Suche nach dem gemeinsamen Fortschritt nicht aufgeben. Sowie Toleranz und Dialogbereitschaft zur modernen Gesellschaft gehören, kann auch nur die Kirche der Zukunft im Dialog gestaltet werden. Wer sich in den Elfenbeinturm der Vergangenheit zurückzieht und sich diesem Dialog verweigert, kann für die Kirche von morgen kein relevanter Partner sein. Die Zukunft kann nur in konstruktiver Gesprächsbereitschaft gestaltet werden. Gerade auch aus diesem Grund wurde 2001 das Netzwerk Kirchenreform gegründet. Und um die Idee eines „Netzwerks der Netzwerke“
aufzugreifen (siehe ABC der
Kirchenreform), wurden Plattformen zur übergreifenden Vernetzung in Form von
Netzwerktagungen,
Publikationen und
Internetportalen ins Leben gerufen. Für viele Plattformnutzerinnen und Tagungsteilnehmer ist dabei insbesondere der interdisziplinäre Austausch zwischen Theologinnen, Soziologen, Juristinnen und anderen Fachvertretern aus Verwaltung und Wirtschaft reizvoll und in die Inszenierung gemeinsamer Lernprozesse gewinnbringend – gerade auch gemeinsam mit den Experten aus Wissenschaft und Kirchenleitung wie auch den Experten aus der Praxis, den Akteuren und Praktikern an der Basis.
Jubiläum des Netzwerks
Vor diesem Hintergrund ist es um so bedeutsamer, dass das gemeinsame Engagement im nächsten Jahr bereits sein zehnjähriges Bestehen feiern kann – dieses Jubiläum wollen wir ganz bewusst mit ganz unterschiedlichen Projekt- und Kooperationspartner während der Frankfurter Buchmesse durch ein Tagungsformat begehen, das individuelle Mitgestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Dabei hoffen wir insbesondere auch in unseren eigenen ökumenischen Zielsetzungen weiter voranschreiten zu können.
Selbstverständnis Beispiel EKD
Interessant sind auf evangelischer Seite die Beobachtungen, das von hierarchischen Strukturen bewusst losgelöste Netzwerk Kirchenreform werde zunehmend als Konkurrenz zum EKD-Reformbüro in Hannover gesehen. Zum einen ist dies eine Bestätigung, dass unsere Tagungsergebnisse und die gemeinsame Reflexion von Reformprozessen wahr- und ernstgenommen werden. Zum anderen wirft dies notwendigerweise Fragen auf, warum hier nicht die Chancen eines fruchtbaren gemeinsamen Weiterdenkens an Reformthemen gesehen werden: Durch die strukturelle Einbindung kann die „Kirche im Aufbruch“ konkrete Reformprojekte durch die Nutzung von Haushaltsmitteln und anderen strukturellen Ressourcen begleiten. Das Netzwerk Kirchenreform bietet hingegen den Rahmen, in dem Presbyteriumsvorsitzende und Bischöfe gleichermaßen Zukunftsmodelle weiterspinnen und Modellbeispiele reflektieren können, ohne das aus jeder Äußerung gleich strukturelle Verpflichtungen abgeleitet werden. Hier ist jenes freie Denken, dass schon „per Definition“ nicht im Rahmen der EKD möglich ist. Dort muss die Institution fast notwendig ihren Schatten auf den Inhalt der Debatten werfen.
Fortsetzung: Vollständiger Beitrag als Editorial in kirche bewegen 2/2010:
Magazin Kirchenreform Ausgabe 2/2010 - Die neue Ausgabe unseres Online-Magazins steht wieder in zwei Varianten zum Download zur Verfügung. In dieser Ausgabe u.a. die Themen Gemeinwesendiakonie, katholische Kirchenreform, 15 Jahre "Wir sind Kirche", Kirchentage, EKD-Plattform geistreich, aktuelle Buchbesprechungen: Kirche bewegen - Ausgabe 2 / 2010
Magazin Ausgabe 2/2010 als kleines PDF-Dokument (Bildschirmauflösung):
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Magazin Kirchenreform:
Ein Taschenbuch für Engagierte in Kirchenvorständen, Synoden und anderen leitenden Funktionen:
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