
Wer einmal das Glück hatte, den See Genezareth zu erleben, wie er sich still und
ruhig vor den Augen ausbreitet, kann kaum ermessen, was für heftige Stürme auf ihm toben können. In der
Bibel (Lukas 6,22-25) ist die Geschichte der Sturmstillung überliefert. Jesus schläft, während der Sturm über den See rast
und seine Jünger vor Angst nicht wissen, was sie tun sollen. Ein Bild vom Leiten
in der Kirche.
Dieser Vortrag spricht vom Steuern – dabei will ich Steuern und Leiten hier gern
als synonyme Begriffe benutzen, auch wenn es interessant wäre, über Differenzierungen nachzudenken.
Steuern – was ist das?
Der Frage nachgehend, was das Steuern eigentlich ist, bieten sich in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft unterschiedliche Antworten an. In der Systemtheorie wird von einer gerichteten Beeinflussung des Verhaltens eines Systems von außen ausgegangen. In der Soziologie ist Steuerung eine verdeckt gezielte Einflussnahme – also eine Manipulation! Freundlicher klingt es dann in der Steuerungstechnik: in diesem Bereich ist von der Beeinflussung technologischer Prozesse nach einem vorgegebenen Plan die Rede. Und uns ganz vertraut ist das Steuern von Fahrzeugen, dort schlicht die Lenkung zur Beeinflussung der Fahrtrichtung. Diese letzten beiden Definitionen möchte ich gern aufgreifen und für die Aufgabenstellung dieses Vortrages Steuern als „Einhalten eines Kurses auf der Grundlage eines vorgegebenen Zieles“ definieren. Das mag etwas verwundern, vielleicht meinte die Fragestellung ja "darf, kann und will die Kirche Ziele setzen"?
Steuern – wohin?
Nun kann man in der Kirche über solche grundlegenden Dinge nicht reden, wenn man nicht theologisch von ihnen redet. Die Frage nach Ziel und Auftrag der Kirche zu stellen ist eine eminent theologische Frage und die Antwort darauf ist eigentlich erstaunlich einfach. Natürlich finden wir diese Antwort nirgendwo sonst als in der Schrift:
"Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe"
(Matthäus 28,19-20)
Und wenn dies zu einfach, zu selbstverständlich oder zu allgemein erscheint, lohnt ein Blick in die Bekenntnisschriften unserer Kirche. So in die Bekenntnisschrift, die für uns seit ihrer Formulierung vor 70 Jahren eine außerordentliche und zunehmende Bedeutung erlangt hat: Die theologische Erklärung der Bekenntnis zum Symbol Barmen. In dieser heißt es, in der 6. These:
6. Jesus Christus spricht:
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
(Matthäus 28,20)
Gottes Wort ist nicht gebunden.
(2. Timotheus 2,9)
Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch
Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst
irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.
"Die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk " – Das ist der häufig zitierte Kernsatz der Barmer Theologischen Erklärung und ist die wohl treffendste (und zugleich knappeste) Definition von Ziel und Auftrag der Kirche. Länger freilich als das Jesus Wort ist sie auch nicht! Und wem der Satz von der „freien Gnade Gottes“ zu abstrakt erscheint, dem ist vielleicht eine einfache Formulierung von Bischof Axel Noack aus Magdeburg hilfreich:
"Die Aufgabe der Kirche: den Menschen zu helfen, christlich zu leben und getröstet zu sterben".
Damit ist erfrischend klar alles gesagt!
Wenn wir uns nun noch vergegenwärtigen, dass die Kirche – das „die“ ein immer
wieder ärgerlich distanzierend gebrauchter Artikel - nicht irgendwer ist, sondern
nach dem Augsburger Bekenntnis (1530) die Versammlung der Gläubigen (CA VII) - also niemand anders als wir selbst!
Steuern wohin? Das Ziel des Steuern ist nun bestimmt: Alles zu tun, um genau diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, die der Auftragserfüllung nach herrschender
Einsicht am besten dienen.
Darf die Kirche steuern?
Nun ist fast schon klar, dass die Kirche steuern darf, ja muss – aber die Fragestellung kommt ja nicht von ungefähr. Es gibt – gefühlte, also scheinbar begründete – Zweifel daran, ob die Kirche wirklich steuern darf? Oder anders gefragt, wer eigentlich in der Kirche steuern darf? [...]
FORTSETZUNG:
Den
vollständigen Vortrag können Sie hier als PDF-Dokument downloaden:
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89 K |
Ein Vortrag von Oberkirchenrat Thomas Begrich auf der Tagung Kirchliches Finanzmanagement in der Evangelischen Akademie Bad Boll am 17. Januar 2008 sowie der Synodentagung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg am 20. November 2008.
Der Autor Oberkirchenrat Thomas Begrich ist Leiter der Finanzabteilung im Kirchenamt der EKD. Von 1990 bis 2003 war er Finanzdezernent der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg und maßgeblich an kirchlichen Strukturreformen beteiligt.