
Einige biblisch-theologische Voraussetzungen für Gemeinde, die
Konfessionslose mit dem Evangelium erreicht
I. Was muss geschehen, damit Atheisten Christen werden?
1.
Sie müssen das Evangelium hören in ihrer Kultur.
Die frohe Botschaft von Jesus Christus muss umgesprochen werden in die Lebens-
und Verstehenswelt von Menschen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, so
dass sie verstehen können, dass Gott sie liebt und ein Teil ihres Lebens werden
möchte.
2.
Sie brauchen das Beispiel veränderter Leben.
Das Leben von Menschen, die zu Christus finden, ändert sich oft ganz positiv:
Ehen werden geheilt, Menschen werden frei von Alkohol und Drogen, sie bekommen
ihre Probleme besser in den Griff, bringen ihr Leben in Ordnung und hören auf
zu stehlen, lügen etc. Diese Lebensveränderung wird von den Menschen im Umfeld
staunend wahr genommen. Atheisten, die Zeugen dieser Veränderung werden, suchen
nach einer Erklärung und beginnen häufig nach Gott zu fragen. Veränderte
Leben sind ein kraftvoller Hinweis auf Gottes verwandelnde Realität. Ohne diese
Zeugnisse ist die Verkündigung der Kirche fleisch- und kraftlos.
3.
Sie brauchen das Beispiel einer ausstrahlenden, liebevollen, aufbrechenden und
einladenden christlichen Gemeinde bzw. Gemeinschaft.
Konfessionslose halten Kirche und Glaube im allgemeinen für eine irrelevante
und überholte Lebensform. Viele unserer Kirchgemeinden, natürlich auch im
Osten, haben das Erscheinungsbild eines kleinen, verunsicherten, depressiven Häufchens,
das so mit seiner Krise und seiner Minderwertigkeit befasst ist, dass es unfähig
ist, die Welt zu erreichen. Konfessionslose werden in ihrem Vorurteil bestätigt,
wenn sie Gemeinde erleben als eine angepasste, dem Zeitgeist anheimgefallene und
von Selbstzweifeln erfasste Ansammlung angechristelter Mitbürger oder als ein
mit sich selbst beschäftigter, ins fromme Ghetto zurückgezogener Insiderclub.
4.
Sie müssen Gott erfahren.
Atheisten finden nicht zu Gott auf Grund überzeugender theologischer Argumente,
sondern sie beginnen nach Gott zu fragen und zu suchen, wenn Sein Geist ihr Herz
und ihren Verstand berührt. Das Evangelium muss zu ihnen kommen "nicht
allein im Wort, sondern auch in der Kraft, im Heiligen Geist und in großer Gewissheit"
(1. Th 1,5). Die Kirche braucht Gottes Vollmacht, damit fragende Menschen durch
den Dienst der Kirche die dreifache Grunderfahrung machen: Gott liebt mich. Er
vergibt mir meine Schuld um Jesu willen. Er erfüllt mich mit seinem Geist.
Diese Erfahrung machen sie z.B. durch Beichte, Handauflegung, Gemeinschaft,
Gottesdienst, Gebetsnächte, Taufe etc.
5.
Ihr altes Weltbild muss sterben.
Konfessionslose Menschen haben meistens ein immanent-kausales Weltbild, in dem
es keinen Platz für Gott gibt. Atheisten glauben an die Materie, die gemäß
ihrer Gesetze alles Seiende hervor gebracht hat. Dieses Weltbild hindert
Menschen daran, über Gott und alles Geistliche überhaupt ernsthaft
nachzudenken. Menschen, die in diesem Weltbild gefangen sind, müssen die
ideologische Enge ihres Denkens überwinden. Erst dann wird für sie der Weg zum
Glauben frei.
II. Konsequenzen für eine missionarische Gemeinde

Was für Gemeinden / Gemeinschaften braucht eine missionarische Kirche?
Welche Eigenschaften müssen diese Gemeinden entwickeln, damit sie wirkungsvoll
arbeiten können?
1. Gemeinde mit einer Sendungsspiritualität
1.1 Das Unmögliche tun (Exousia)
Wer Konfessionslose mit dem Evangelium erreichen will, will das Unmögliche.
Konfessionslose mit der frohen Botschaft zu erreichen ist ein Wunder. Durch den
DDR-Atheismus geprägte Menschen sind dauerhaft immunisiert gegen alles Religiöse.
Sie haben ein wasserfestes Weltbild, das nur sehr schwer zu erschüttern ist.
Das setzt sich fort in den jungen Menschen, die erst nach der Wende aufgewachsen
sind und nicht mehr direkt von der Christentumsfeindschaft des DDR-Atheismus
geprägt sind. Um Konfessionslose zu erreichen, ist mehr erforderlich als die
missionarische Kompetenz eines "Profis". Konfessionslose müssen das
Evangelium hören und erleben in biblischer Vollmacht, in Erweisung des Geistes
und der Kraft. Nur geistlich vitale Gemeinden bzw. Gemeinschaften werden
Konfessionslose mit dem Evangelium erreichen können. Vollmacht (Exousia) ist
eine Gabe des Heiligen Geistes an seine Kirche, weniger an den Einzelnen.
Vollmacht entsteht, wenn die einzelnen Christen sich von Jesus rufen und ausrüsten
lassen, der Welt das Evangelium in Wort und Tat zu bringen. Die Verkündigung
des Evangeliums wird vom Heiligen Geist bevollmächtigt, wenn das Wort der
Christen getragen ist von Glaube, Beten, Fasten, zeugnishaften Leben der
Gemeinde und von der Liebe.
1.2 Abschied von Allversöhnung und Selbstsäkularisierung
Alle geistlichen Aufbrüche in der Geschichte der Kirche waren inspiriert von
der Retterliebe Jesu zu den Verlorenen. Der missionarische Eifer der Christen
war getragen von der Überzeugung, dass Menschen ohne Hinwendung zu Jesus ihr
Leben verfehlen. Wenn die Kirche die Verlorenheit der Menschen ohne Christus aus
den Augen verliert, kann sie ihre missionarische Berufung nicht mehr wahrnehmen
und wird sich mit dem Status Quo zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Volk
Gottes und heilloser Masse abfinden. In Kirche und Theologie herrscht weitgehend
eine schleichende Allversöhnung. Gott wird verharmlost als eine Instanz, die
vor allem für Geborgenheit und Sinnfindung herangezogen wird. Die Allversöhnung
ist das Resultat einer Selbstsäkularisierung, die unsere Kirche zu paralysieren
droht. Wir brauchen eine biblische Soteriologie, die uns wieder die Kraft des
Wortes Gottes entdecken lässt und unsere Liebe und Fantasie aktiviert für
Menschen ohne Gott.
1.3 Bekehrungsspiritualität
Missionarische Gemeinde zielt auf die Bekehrung des einzelnen zu Jesus, denn
"der christliche Glaube ist eine personale freie Entscheidung des
einzelnen, oder er ist nicht" (Karl Rahner). Der missionarische Dienst darf
sich nicht darauf beschränken, Menschen zum Gottesdienst einzuladen. Vielmehr
besteht das Ziel darin, dass aus praktizierenden Atheisten mündige Christen,
also Jünger bzw. Nachfolger Jesu werden. Die Frage am ersten Pfingsttag
"Was sollen wir tun, um gerettet zu werden?" bekommt eine neue
Dringlichkeit. Wenn Konfessionslose vom Evangelium berührt werden, brauchen sie
eine zum Zentrum durchdringende Antwort auf die Frage, wie man zu Gott findet
oder (wie sie es meistens ausdrücken) wie man Gott erfährt. Zwei Standpunkte
verzeichnen die Antwort: Erstens, eine einseitige Betonung der Taufe ohne Reue,
Umkehr und Nachfolge Christi. Das ist "billige Gnade" (D. Bonhoeffer),
und die führt nicht zur Erneuerung des Menschen aus dem Heiligen Geist. Die
Lehre von der Taufwiedergeburt ist eine Irrlehre, die Mission verhindert. Der
Taufvollzug macht nicht den Christen, sondern die Annahme dessen, was Gott in
der Taufe schenkt. Zweitens: Eine engstirnige Bekehrungsfrömmigkeit, die aus
der Bekehrung eine Leistung macht. Die Kirche muss sich neu bemühen deutlich zu
sagen, was ein Christ ist und wie man ein Christ wird. Wenn das nicht klar ist,
kann schlecht zum Christsein eingeladen werden und Menschen brechen nicht durch
zur dreifachen christlichen Grunderfahrung (siehe I.3.).
1.4 Wiederentdeckung der Transzendenz
In der westlichen Welt hat sich das gesamte Konzept religiöser Erfahrung vom
Transzendentalen zum Nützlichen und Moralischen hin verschoben. Christus wird
geschätzt und verkündet als der, der uns hilft, der unserem Leben einen Sinn
vermittelt, Geborgenheit schenkt, unsere Nerven beruhigt, unseren Herzen Frieden
und unseren Geschäften Erfolg verleiht. Die alles verzehrende Liebe Christi,
die zum Beispiel brennt in den Schriften von Augustinus, Luther, Tersteegen oder
in den Leben von Franz von Assisi, den Herrnhuter Missionaren usw., ist unser
Spiritualität weitgehend fremd. Die christliche Gemeinde wird Konfessionslose
nur erreichen, wenn in ihr diese Flamme der Begeisterung über den Heiland hell
leuchtet. Die in den Kirchen gelebte Spiritualität ist weithin gekennzeichnet
von Resignation, Gleichgültigkeit und Gesetzlichkeit. Das Heil in Christus
froh, mutig und gewiß zu leben und weiterzugeben, muss lebendige Praxis einer
missionarischen Gemeinde sein.
1.5 Mission ist Konfrontation mit dem Reich
der Finsternis
Wo das Reich Gottes sich ereignet, trifft es auf heftigen Widerstand. Durch den Einfluss
der liberalen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts (besonders durch R.
Bultmanns Entmythologisierungprogramm), die die Existenz von Satan in das Reich
der Mythen und Legenden verwies, haben weite Teile der evangelischen
Christenheit in unserem Land die Sicht für die Realität finsterer Mächte
verloren - mit verheerenden geistlichen Folgen. Das Reich des Bösen zu
ignorieren, ist eine ideologisch bedingte Naivität, die der Kirche Jesu schadet
und ihre Vollmacht mindert, die sie dringend braucht für die missionarischen
Aufgaben unserer Zeit. Für Luther und für alle geistlichen und missionarischen
Aufbrüche ist die Grundüberzeugung kennzeichnend, dass die Kirche einen realen
starken Gegenspieler hat, der von Christus besiegt wurde und den die Kirche überwindet
durch Gebet und Verkündigung. Hinter Atheismus und Konfessionslosigkeit stehen
spirituelle antichristliche Mächte. Wir werden die Konfessionslosen nicht
erreichen, wenn wir diese Mächte ignorieren oder leugnen.
2. Inkulturation des Evangeliums
Wir setzen nicht auf die Überzeugungskraft von Medien (Rock-Band,
Filmsequenzen, Samples, Gospelchor, Anspiel etc.), sondern auf die Kraft des
Wortes Gottes. Moderne Medien haben lediglich den Zweck, das Wort Gottes unseren
Mitmenschen, die ohne Gott und Kirche leben, verständlich nahe zu bringen. Es
ist das Wort vom Kreuz, welches Sünder dazu bringt, ihr Leben in Entfremdung
von sich und ihrem Schöpfer zu bereuen und umzukehren, um ein neues Leben zu
empfangen. Missionarische Arbeit bedeutet die Inkulturation des Evangeliums. Wir
unterscheiden daher konsequent zwischen Form und Inhalt. Wir nehmen das alte
kostbare Evangelium (Inhalt) und setzen es um in die Verstehenswelt der Menschen
(Form). Kirche, die ihre Botschaft nur einseitig in der Sprache der Hochkultur
artikuliert (Orgel, agendarischer Gottesdienst, klassische Musik, akademische
Predigten), verzichtet auf das Übersetzen des Evangeliums in die Verstehenswelt
vieler Menschen.
3. Mission als Paradigmenwechsel
Kirche hat keine Mission, Kirche ist Mission. Sie ist Gottes heiliges
Instrument, um Menschen in Gemeinschaft mit Jesus zu bringen. Eine
missionarische Gemeinde sieht ihre Priorität nicht darin, ihre Kirchenglieder
zu betreuen. Sie möchte Menschen gewinnen, die dem Evangelium und der Kirche
fern stehen. Kriterium einer guten Gemeindearbeit ist nicht die Frage
"Werden die Glieder unserer Kirche richtig versorgt und fühlen sie sich
wohl bei uns", sondern "Erreichen wir die Nichtchristen mit der frohen
Botschaft und finden sie Heimat in der Kirche und bei Gott?". Die Programme
der Gemeinde müssen sich an der Frage messen lassen, was sie wirklich
austragen, um fernstehende Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen. Die
Umstellung der Gemeindearbeit auf Mission bedeutet einen schwierigen aber
unverzichtbaren Paradigmenwechsel. Viele Gemeinden haben durch ihre Fixierung
auf religiöse Versorgung ihrer Glieder eine lähmende Bunker- und
Insidermentalität entwickelt, die Kirchenferne abschreckt. Viele Gemeinden
geben den Hauptanteil ihrer Ressourcen an Kraft, Zeit und Geld für sich selbst
aus, nicht aber, um ihre Welt zu erreichen
4. Eine Gemeinde der allgemeinen Priester
Missionarische Gemeinde ist eine Laienbewegung. Der einzelnen Christ ist der
Missionar. Jeder Christ ist vom Herrn berufen und durch den Heiligen Geist
begabt, an dem Plan Gottes in dieser Welt aktiv mitzuarbeiten und mit seinen
Gaben Jesus und seiner Kirche zu dienen. Der Profichrist (Pfarrer und andere
"Berufschristen") ist der Trainer der Christen. Er hat die Aufgabe,
die Christen zu motivieren, zu trainieren und zu begleiten, damit sie mündige
Christen und vollmächtige Zeugen Jesu in der Welt werden und ihre Gaben
entdecken, entwickeln und ausbilden. Für diese Gaben müssen Freiräume und Betätigungsfelder
im Leben der Gemeinde geschaffen werden. Das pfarrerzentrierte Modell, dass der
Pfarrer sich Helfer sucht, weil er die Arbeit nicht alleine schafft, entmündigt
Christen. Gemeindeglieder sind nicht die Helfer des Pfarrers, sondern die Träger
des Auftrages Christi. Die Berufung Jesu "ihr sollt meine Zeugen
sein", gilt allen Christen. Im Reich Gottes gibt es keine Unterscheidung
von Profis und Laien. Es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und
Berufungen.
"Eine Missionsgemeinde für Konfessionslose - Einige biblisch-theologische Voraussetzungen für Gemeinde, die Konfessionslose mit dem Evangelium erreicht" - Ein Referat von Pfarrer Alexander Garth auf der 2. wissenschaftlichen Tagung des "Netzwerk Kirchenreform" in Erfurt 2004. Überarbeitete Fassung (Feb. 2004).
Pfarrer Alexander Garth ist Bereichsleiter in der Berliner Stadtmission sowie Gründer und Leiter der Jungen Kirche Berlin (JKG).
Fotos: Stadtmission Berlin und Junge Kirche Berlin
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